Zu den Subjektivierungsweisen von jungen Erwachsenen unter Gesundheitsanforderungen

Das Promotionsprojekt

Über das Projekt

Mein Forschungsprojekt trägt den Titel: Mental Health und Mental Care: Zur Bedeutung ‚mentaler Gesundheit‘ für Subjektivierungsprozesse junger Erwachsener zwischen Selbstoptimierung und (emotional-psychischer) Widerständigkeit – Eine Analyse von Selbsttechnologien. Das Projekt ist mein Promotionsvorhaben an der CAU Kiel.

Warum interessiere ich mich für mentale Gesundheit und Gesundheitshandeln bei jungen Erwachsenen im Zusammenhang mit Sozialen Medien?

In den letzten Jahren sind mir die ganzen Ratgeber und Sachbücher zur Selbstentwicklung, Achtsamkeit und Selbstfürsorge besonders ins Auge gestochen. Auch in den Sozialen Medien – vor allem bei Instagram und TikTok – erfährt das Thema Mentale Gesundheit und Selbstverwirklichung großen Bedeutungszuwachs. In der Sozialforschung ist das Thema „Mentale Gesundheit“ und dessen Darstellung in den Sozialen Medien nur wenig untersucht. Und genau an dieser Leerstelle möchte ich ansetzen, um zu verstehen, ob, wie und wodurch Mentale Gesundheit und Gesundheitshandeln wichtig für das Selbstverständnis von jungen Menschen ist.

Dazu untersuche I. welche Bedeutungen von Mentaler Gesundheit in den Sozialen Medien hervorgebracht werden. Soziale Medien sind Ort und Medium der Identitätsbildung und der Selbstermächtigung. Sie haben große wissensvermittelnde Funktionen; auch zu Gesundheits- und Krankheitsthemen. Die Selbstdarstellungen und Informationen in den Sozialen Medien können aber auch zu Verunsicherungen, Abwertungen, Ängsten und Diskriminierungen führen.

Gerade auf Instagram stellen sich vielfach gesunde Menschen (oder erkrankte Menschen) dar; dadurch werden Vorstellungen von (mentaler) Gesundheit vermittelt. Auch Praktiken zu Gesundheit und Selbstfürsorge werden gezeigt und beworben. Ich möchte untersuchen, was wie dargestellt wird und welche Wirkungen das auf junge Erwachsene hat, da Soziale Medien aus dem Alltag und damit aus der Selbstarbeit nicht mehr wegzudenken sind.

II. Neben der Darstellung von Mentaler Gesundheit interessiert es mich, ob, warum und wie Individuen konkret Mental Care – also Gesundheits- als Selbstbearbeitungspraktiken – betreiben. Mentale Gesundheitspraktiken sind eng mit subjektiven Gesundheitsvorstellungen und -erleben, aber auch mit idealen Vorstellungen von Wohlbefinden verbunden. Neben Körpernormen rücken Verhaltens- und Fühlnormen in den Fokus, die bestimmen (können), was gesund, was nicht (oder noch nicht) gesund ist und damit einen großen Einfluss auf das individuelle Selbstverständnis haben. Der Umgang mit den Anforderungen von Mentaler Gesundheit ist dabei abhängig von der Lebenswelt der Individuen, also der Erfahrungen und der unterschiedlichen Ressourcen und Praktiken.

Projektablauf

Das Projekt ist in zwei Projektteile untergliedert, die aufeinander Bezug nehmen:

I. In einem ersten Schritt sollen ausgewählte Text-Bild-Beiträge von insgesamt drei Instagram-Accounts mit dem Schwerpunkt Mental Health mit der Methode der Kritischen Diskursanalyse analysiert und die normativen Anrufungen und Subjektvorgaben herausgearbeitet werden.

II. Im zweiten Teil der Forschung sollen die sozialen Praxen junger Erwachsener untersucht werden, um zu erfahren, wie sie sich selbst verstehen und wo sie Möglichkeiten und Herausforderungen im Umgang mit Mentaler Gesundheit sehen. Gerade in der sozialpädagogischen Forschung ist es wichtig, mit der Zielgruppe zu forschen, um Wissensbestände zu erweitern, zu irritieren usw.

Mit leitfadengestützten Gruppendiskussionen mit je 4 Teilnehmenden zwischen 18 – 27 Jahren (Teilnahme) und einer leitfadengestützten Gruppendiskussion mit 4 Teilnehmenden zwischen 40 – 60 Jahren sollen Vorstellungen von Mentaler Gesundheit und dem konkreten Gesundheitshandeln erhoben und analysiert werden. Bei einer leitfadengestützten Gruppendiskussion handelt es sich um eine Gesprächssituation, die mit von der Forscherin formulierten Fragen moderiert wird und in der die Teilnehmenden miteinander ins Gespräch gehen. 

Die Gespräche werden verschriftlicht, anonymisiert und pseudonymisiert und mit der Methode der Interpretativen Subjektivierungsanalyse ausgewertet. Die vorläufigen Ergebnisse werden hier präsentiert.   

Projektziele

Mit der Forschung möchte ich

I. konkrete Subjektivierungsprozesse entlang der Anrufung und Bearbeitung von Mentaler Gesundheit analysieren und (eventuelle) Normalisierungstechniken offenlegen und erklären, ob und wie soziale Ungleichheiten dadurch aufrechterhalten oder verstärkt werden.

II. Konzepte wie Wohlbefinden, subjektive Gesundheit und Mentale Gesundheit sind sehr vage und unterscheiden sich in der Forschung. Der Begriff von Gesundheit wird oftmals (voraus)gesetzt; mich interessieren die Verständnisse von Wohlbefinden und von Gesundheit, um die Begriffe zu konturieren. Außerdem ist es mit Selbsteinschätzungen und Selbstbeschreibungen möglich, nach Umdeutungen, Verschiebungen und Widerständigkeiten in den subjektiven Orientierungen zu suchen.

III. Menschen als Gesundheitssubjekte werden unter Ausblendung begrenzender oder gar ausschließender gesellschaftlicher Rahmenbedingungen hervorgebracht. Aufgabe einer kritischen Forschung und einer kritischen Sozialpädagogik ist es, die Lebenswelt der Adressat*innen und der ihnen real zur Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten zum Ausgangspunkt von Forschung und Praxis zu machen. Gerade mit folgenden Fragen – Was tut mir gut? Was macht mir Druck? Mit welchen Bildern fühle ich mich wohl? Von wem oder was fühle ich mich inspiriert? Mit wem oder was kann ich mich identifizieren? – können wichtige Vorstellungen, Selbstverständnisse und Praktiken herausgearbeitet werden, die vom Ideal vollständigen Wohlbefindens und / oder Gesundheit abweichen.  

IV. Ich möchte Widerständigkeiten und Transformationen mental carender Subjekte ausfindig machen mit dem Ziel, ein erweitertes Verständnis von Individuen und ihren Fähigkeiten, aber auch ihrer Verletzlichkeiten zu entwickeln.